Will man verstehen, wie "Sehen" funktioniert, muss man sich außer mit
physikalischen Erklärungen heute besonders mit der Kognitionswissenschaft
befassen. Diese rechtfertigt mittlerweile ganz wissenschaftlich die
jahrtausendalte Skepsis der Philosophen, ob dem Menschen überhaupt eine
objektive Wirklichkeit zugänglich ist. Ist das, was wir sehen, Wirklichkeit
oder "nur" die Konstruktion unseres Gehirns? Heute ist nachgewiesen, dass
Letzteres zutrifft. Für das Sehen bedeutet das: Wir können objektiv keine reale
Welt sehen.
Einige kognitionswissenschaftliche Eckpunkte und zentrale Erkenntnisse machen
diese Erkenntnis klarer: Die Informationen, die von den Sinnesrezeptoren der
Augen an das Gehirn geleitet werden, sind bedeutungsneutral. Erst im Gehirn
wird diesen Signalen auf der Grundlage von Erfahrungen Bedeutung und Sinn
zugewiesen. Was Menschen sehen und wahrnehmen, ist daher ihre Konstruktion der
Wirklichkeit. In den Worten des Bremer Kognitionswissenschaftlers Gerhard Roth
heißt das:
“Das Gehirn sieht, hört, riecht und fühlt nichts von der Welt.”
Warum? Das Gehirn versteht nur physikochemische Signale. Nur solche Signale
können die miteinander verbundenen Nervenzellen des Gehirns in ihrem
physiologischen Erregungszustand verändern. Das können beispielsweise weder
Lichtquanten, Schalldruckwellen oder Geruchsmoleküle - die Informationen für
unsere Sinnesorgane.
Der Kybernetiker Heinz von Foerster formuliert daher auch: “Die Umwelt, die wir
wahrnehmen, ist unsere Erfindung.”
Bekannte Beipiele, die uns die Konstruktionsleistung unseres Gehirns vor Augen
führen, findet man in der Gestaltpsychologie: die Kanizsa- und Kipp-Figuren.
Literaturtips für Interessierte:
Herman Haken/ Maria Haken-Krell (1992): Erfolgsgeheimnisse der Wahrnehmung
Gerhard Roth (1995): Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Heinz von Foerster (1985): Sicht und Einsicht
Humberto Maturana/Francisco Varela (1921): Der Baum der Erkenntnis